Was wir gelernt, worüber wir gelacht und was wir vergessen haben – und was wir ganz bestimmt nicht nochmal machen. Jeden Freitag frisch aus dem Berliner Büro (und derzeit aus dem Homeoffice)

Knotenanekdoten - Die Freitagskolumne vom Netzwerkknoten. Grafik: Karl Bredemeyer

Erinnert sich eigentlich jemand an den letzten Tag, an dem alles “normal” war? Also, den letzten richtig gewöhnlichen Tag vor Homeoffice, Kurzarbeit und Unruhe im Bauch? Dieser Tag, der vermutlich grob über den Daumen ein halbes Jahr her sein müsste? Nee? Wir auch nicht. Weil wir Normalität eben nicht bemerken, sonst wäre sie nicht normal.

Auch die Sehnsucht nach “Normalität” ist sehr interessant, da sie sich auf einen Zustand bezieht, den wir vermutlich gar nicht wahrnehmen würden, sobald er dann einträte. Heißt: Der Moment des Aufatmens, wenn Dinge wieder anders sind, ist noch lange keine Normalität. Denn die ist, wie schon beschrieben, unsichtbar. Solange ein Zustand, eine Person, eine Tätigkeit in irgendeiner Form markiert sind, werden sie bemerkt und gelten nicht als normal. Wir bemerken die Farbe von Spaghetti erst bewusst, wenn sie auf einmal zum Beispiel hellblau wären. Sonst ist eben alles normal und wir denken nicht: “Oh, diese normalen gelb-beigen Schnüre”, sondern wir denken zum Beispiel “Spaghetti, geil!” 

Nicht geschimpft ist nicht genug gelobt

Jetzt soll es weder darum gehen, Normalität als das kostbarste Gut überhaupt zu stilisieren noch darum, den Wunsch danach als festgefahren zu belächeln. Vielmehr lohnt es sich, genau diese unsichtbaren Komponenten zu beschreiben, nach denen man sich eben sehnt. Spoiler Alert: Wenn alles wirklich wieder komplett “normal” ist, haben wir nichts davon, weil wir’s nicht mal bemerken. Wir bemerken ja derzeit auch vieles nicht mehr bewusst, was wir vor einigen Monaten hyperpräsent vor Augen hatten. Die Klebestreifen auf den Böden vor Supermarktkassen zum Beispiel. 

Teams oder Personen, die etwas verändern und erreichen wollen, können sich zum Beispiel die Frage stellen, was sie gerne normalisieren möchten, sodass es gar nicht bemerkbar ist. Wir können Rituale etablieren, die eine bewusste Regelmäßigkeit in Veränderungsprozesse einschreiben. Ein weiterer Baustein in der Frage nach Normalität ist das Feedback. Ist es normal, wenn einfach alles passt und man bemerkt eben nur das, was nicht läuft? Frei nach der süddeutschen Weisheit “Nicht geschimpft ist genug gelobt”? Motivierend ist das jedenfalls nicht. Sowohl in Bezug auf andere als auch auf uns selbst tun wir ganz gut daran, auch “Normales” anzusprechen, wenn wir es gut finden. Heißt: Nur weil Kollege*in X sehr oft freiwillig das Protokoll schreibt, ist das vielleicht normal, aber nicht selbstverständlich. (An dieser Stelle Shoutout an die Kollegin, die weiß, dass sie gemeint ist!)