Was wir gelernt, worüber wir gelacht und was wir vergessen haben – und was wir ganz bestimmt nicht nochmal machen. Jeden Freitag frisch aus dem Berliner Büro.

Knotenanekdoten - Die Freitagskolumne vom Netzwerkknoten. Grafik: Karl Bredemeyer

Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist dein Gesicht, wenn du mir zuhörst. Während man sich selbst reden hört, sieht man sich dabei nicht. Klingt trivial, ist aber sehr interessant, wenn man bedenkt, dass bei einem Gespräch face-to-face beim Gegenüber sowohl die Augen als auch die Ohren gleichermaßen arbeiten.

Am Telefon oder im (videofreien) Teamcall ist es wesentlich schwieriger, zu identifizieren, ob jemand zuhört. Und wie. So gibt es zum Beispiel Modelle, laut denen dominante Personen ihr Gegenüber beim Sprechen ansehen und beim Zuhören nicht. Ein weiterer wichtiger Bestandteil in vis-à-vis Gesprächen ist außerdem ein Phänomen, das die Psychologie Mimikry nennt – also wenn wir andere Menschen unbewusst und automatisch nachahmen. Dazu gehört verbale, emotionale und verhaltensbezogene Nachahmung und die Mimikry von Gesichtsausdrücken. Viele Menschen kennen zum Beispiel den Mechanismus, im Gespräch die Gestik, bestimmte Wörter oder sogar Dialekte der anderen Person zu übernehmen. 

Der automatische Perspektivwechsel

Wenn wir bewusst zuhören, versetzen wir uns in andere hinein, wechseln fast automatisch unsere Perspektive. Hören wir dann auch noch mit dem sogenannten Du-Ohr zu statt mit dem Ich-Ohr, lassen wir den Blick und die Relevanz der Sache für den oder die andere auf uns wirken statt selbstreferenziell und erwartungsgesteuert zuzuhören. 

Dieses ganzheitliche Zuhören ist nicht nur deshalb hilfreich, weil sich der oder die Sprechende wohl und gehört fühlt, sondern reduziert auch drastisch die Gefahr von Konflikten und Missverständnissen. Nicht umsonst betonen wir als Beratende immer den Teil des agilen Manifests, Themen nicht im Teamchat, sondern persönlich zu besprechen, wenn es irgendwie geht. Und wenn nicht, die Videokamera einzuschalten.

Einfach ausgedrückt: Die Schwierigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, fällt weg, wenn es keine Zeilen gibt, sondern gesprochene Worte. Selbstverständlich tragen auch die einen Interpretationsspielraum mit sich. Gleichzeitig unterschätzen viele Menschen, wie gut sie eigentlich daran sind, Feinheiten und nonverbale Signale zu deuten. Die meisten Fehleinschätzungen entstehen eher aus Situationen, die nicht erwartungskonform ablaufen und deshalb rational umgedeutet werden. 

Ein riesiger Vorteil, mit dem ganzen Körper zuzuhören und zu sprechen, sind die Ressourcen, die entstehen, wenn unser kompletter Organismus mitarbeitet und somit eine Entlastung der rein kognitiven Kapazitäten. Ein Lächeln können wir nämlich wesentlich akkurater interpretieren als ein Emoji.