Happy Birthday Netzwerkknoten - Grafik: Karl Bredemeyer

Im vorangegangen Artikel zu den Erfahrungen aus einem Jahr Netzwerkknoten ging es in erster Linie um die Stolpersteine und Rettungsanker die sich bei der Gründung einer (Beratungs-) Firma präsentieren können. In den folgenden Zeilen schreibe ich über die bisher gemachten Lernerfahrungen aus der Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Diese Erfahrungen durfte ich über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahren und unter der Mitwirkung vieler ehemaliger und aktueller KollegInnen sammeln. Der einjährige Geburtstag ist ein guter Moment, sie ein wenig zu konsolidieren. 

6. Respektiere die Identität Deiner Kunden.

Agilisten haben die Tendenz zu glauben, sie seien ein bisschen besser als der Rest der Welt und nicht selten tun sie das auch kund. Das ist problematisch, da ihnen, streng genommen, jede Berechtigung dafür fehlt: Weder haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, die Frameworks erfunden, noch ist es, wenn wir ehrlich sind, eine wahnsinnig anspruchsvolle Arbeitsleistung, Rollen, Meetings und Artefakte auswendig zu lernen und diese dann runterzubeten. 

Ungleich schwerer ist es, Probleme in freier Wildbahn zu identifizieren und um die Lösungen herum Organisationen zu bauen, ohne, dass einem die ganze Hütte innerhalb kürzester Zeit um die Ohren fliegt. Organisationen, die diese Übung seit mehreren Jahrzehnten praktizieren entwickeln Muster und Verhaltensweisen, die sich tief in der DNA verankern und in allen Bereichen widerspiegeln: Produktentwicklung, Marketing, Customer Support, Recruiting und natürlich Innovation.

Ich habe es nicht erst seit der Gründung vom Netzwerkknoten als sehr hilfreich empfunden, mir sehr schnell die Identität eines Kunden zu erarbeiten, um ausgehend davon in eine wirksame Begleitung zu starten. Ein Maschinenbauer, der seit 60 Jahren nur in der Steuerungsentwicklung tätig war, wird ein anderes Verständnis von UI/UX Design haben, als eine drei Jahre alte Softwareentwicklungsfirma. Einem Ingenieur bei Daimler beizubringen, er solle mal mit der 70% Lösung auf den Nutzer zugehen, obwohl es in der Firma seit mehr als einem Jahrhundert heißt "Das Beste oder Nichts", braucht Fingerspitzengefühl.  

Auf der Suche nach der Identität der Kunden hilft es beispielsweise, auf Muster in der Sprache und in den Kommunikationsmedien und -wegen zu achten. Einem typischen Meeting beizuwohnen ist wie eine versteckte Kamera bei einem Pokerturnier: einen besseren Blick in das innere einer Organisation wird man nicht bekommen. Wo sitzt die Führungskraft? Gibt es eine Agenda? Wer redet wann und wieviel? Wer kommt pünktlich und wer kommt mit welcher Entschuldigung zu spät? Hat jemand Kuchen dabei? (Das ist in gleichen Teilen witzig und ernst gemeint) 

Die Identität eines Kunden zu erkennen und wertzuschätzen war eine der wichtigsten Erkenntnisse in der bisherigen Beratungserfahrung. Sie hat mir dabei geholfen, vermeintlichen Misserfolgen in der Begleitung ein anderes Gewicht und Gesicht zu geben. 

Für unsere Kunden ist es eine besondere Form der Wertschätzung, wenn wir die Geschichte Ihrer Firma - und ihrer Mitarbeiter -wahr- und ernst nehmen und diese in der Art und Weise, wie wir unser Mandat ausüben, berücksichtigen. 

7. Und immer wieder: Start with why! 

In der Agilistenblase in der wir uns qua Beruf(ung) bewegen, lockt man mit Simon Sinek niemanden mehr hinter einem Taskboard hervor. Und es wäre keine Blase, wenn es nicht drumherum noch eine Welt gäbe, die den Golden Circle noch nie gesehen hat, geschweige denn etwas damit anzufangen weiß.

Das Prinzip ist einfach: wenn Du die Frage nach dem warum? zufriedenstellend beantworten kannst, steigt die Wahrscheinlichkeit, a) Menschen zu finden, die Lust haben, mit Dir zusammenzuarbeiten und b) herauszubekommen, ob das was Du bis vor wenigen Momenten noch für die beste Idee der letzten Jahre gehalten hast, tatsächlich so toll ist, wie angenommen. Das wirklich verblüffende an der Frage ist, dass sie in sämtlichen (!!) Situationen Ihre volle Wirkung entfaltet: Workshop Agenden können bis auf die Anzahl der Zuckerwürfel in der Kaffeepause genau geplant sein, wenn niemand weiß, wofür genau dieser Workshop gut ist, wird er ergebnislos bleiben. Der Workshop-Titel allein reicht hier nichts aus. Gleiches gilt für Produktvisionen, Strategien und Personalentscheidungen.

Pro Tipp: Wer das Warum? mit einem Wofür? austauscht gewinnt auch diejenigen, die sich bei der Frage nach dem Warum schnell an die Rechtfertigungsschelte aus der Kindheit erinnert fühlen.

8. Gehe das Tempo Deines Kunden. Und sei einen Schritt voraus.

Diese Erfahrung schließt (fast) direkt an die Rücksichtnahme auf die Identität an. Wie oft habe ich mir die Zähne ausgebissen und mich darüber geärgert, dass die Maßnahmen und Tools, die ich den Kunden an die Hand gebe, nicht angenommen werden. Wie oft habe ich mit meinen KollegInnen zusammengesessen und über Integrationsgeschwindigkeiten von über sechs Monaten geschimpft. Und das alles für die Katz'! In Anbetracht der Tagessätze ist diese mangelnde Wirksamkeitserfahrung eine echte Belastung, wenn man sie nicht einzuordnen weiß.  

Ich habe gelernt, dass es vollkommen OK ist, wenn ich beim Kunden nicht täglich und noch nicht einmal wöchentlich Methoden- und Inputfeuerwerke abfackle, weil diese gar nicht so schnell integriert werden können. Wichtiger ist es hier, gemeinsam eine regelmäßige Standortbestimmung zu machen, um zu schauen, welche Schritte, Methoden und Interventionen das Kundensystem als Nächstes aus eigener Kraft gehen und vertragen kann. Für die Begleitung des nächsten Schrittes musst Du entweder selbst die Kapazitäten, oder die entsprechenden Partner in Deinem Netzwerk haben.

Die Aufgabe des Beraters ist es also, das Tempo des Kunden gehen zu können und gleichzeitig den nächsten Schritt zu antizipieren.

9. Co-Location gewinnt. Aber nicht um jeden Preis. 

Die Diskussion über Sinn und Unsinn von Co-Location treibt einen Keil durch die Agile Community, der mindestens so sehr spaltet wie die Frage danach, ob nun Kanban oder Scrum das bessere Framework für die Produktentwicklung ist (Beraterantwort: es kommt drauf an. Wahrheit: vollkommen egal). 

In meiner Erfahrung hat Co-Location noch keinem Team geschadet. Im Gegenteil. Die Vorteile werde ich nun nicht noch einmal aufzählen. 

Werde ich jedoch vor die Wahl gestellt, eine Person in ein Team aufzunehmen, die zwar vor Ort, aber persönlich schwierig ist und fachlich von der Tapete bis zur Wand denken kann, oder jemanden, der die Hälfte des Sprints von zuhause arbeitet, dafür aber beinahe ausnahmslos wertvollen Input liefert und auch noch menschlich ein Gewinn für die Teamdynamik ist, gehe ich immer mit Letzterem. Auch wenn das bedeutet, nicht an einem physischen Board arbeiten zu können. 

Es ist aus meiner Sicht unglaubwürdig, sich als Helferlein in der Digitalisierung profilieren zu wollen, ohne die teilweise sehr bitteren Pillen (hier rede ich von der Toolauswahl) selbst zu schlucken. Das perfekte Tool lässt wohl noch eine Weile auf sich warten, erst recht, weil sich die Ansprüche von Team zu Team stark unterscheiden. Dennoch bieten die Agile Plug-Ins von Jira oder Azure DevOps einen stabilen Rahmen, um, beispielsweise in Kombination mit Skype for Business, mit der verteilten Arbeit zu starten.

Auch wenn ich Co-Location für die wirksamere Form der Zusammenarbeit halte, habe ich auch schon das Vergnügen gehabt, in sehr produktiven verteilten Teams zu arbeiten. Da ist es wieder, dieses Fingerspitzengefühl.

10. Sei als Mensch da, dann wirst Du als Berater und Coach ernstgenommen. Umgekehrt wird's eng.

Das klingt idealistisch und es mag genügend Firmen geben, in denen es egal ist, wer der Mensch hinter dem Tagessatz ist. Solche Mandate lehnen wir als Netzwerkknoten Unternehmensberatung GmbH jedoch ab. Mit all den Konsequenzen die sich daraus ergeben. 

Anders als in der reinen Strategieberatung geht es in der Organisationsentwicklung vor allem darum, Muster zu identifizieren, sie gegebenenfalls zu unterbrechen und neue zu etablieren. Für jede Organisation ist das eine hoch sensible und intime Angelegenheit (siehe Punkt 6.) und ich bin der Überzeugung, dass wir nur deswegen daran teilhaben dürfen, weil in erster Linie den Personen hinter der fachlichen Expertise Vertrauen geschenkt wird.

Auch wenn sich ein System bereits im Moment der Beobachtung verändert, ermöglicht so ein Vertrauen einen beinahe unverfälschten "Blick ins Getriebe", den die reine Auseinandersetzung mit Zahlen und Organigrammen nicht bietet. Da ist es nur fair, wenn auch der Berater eigene blinde Flecken offenbart. Ich freue mich sehr darüber, die beschriebenen Erfahrungen machen zu dürfen und freue mich noch mehr darüber, dass dies erst der Anfang einer hoffentlich langen Reise ist. Je mehr Menschen mitkommen, desto schöner wird sie!