Braucht es da über­haupt noch eine Definition?

Grafik: Jenny Zenker

Mensch oder Maschine? 

Der Grund­zu­stand unse­res mensch­li­chen Gehirns ist nicht Konzen­tra­tion, sondern Zerstreuung. 

Das haben wir der Evolu­tion zu verdan­ken, die uns damit vor Gefah­ren geschützt hat. Es war uns möglich, trotz dem Erle­di­gen einer Aufgabe, gewahr und aufmerk­sam für unsere Umge­bung zu sein, um im Fall einer Bedro­hung, reagie­ren zu können. Das ist ein Grund, warum es die Mensch­heit heute noch gibt. Was das für die Wirt­schaft in Zahlen heißt, zeigt eine Studie der Univer­sity of Cali­for­nia, die das Arbei­ten in Groß­raum­bü­ros unter­suchte. Die Unter­bre­chung der Arbeit kostet demnach die ameri­ka­ni­sche Wirt­schaft jähr­lich unge­fähr 600 Milli­ar­den Dollar, was 15-mal so viel Geld ist wie der reichste Mensch der Welt über­haupt besitzt. Und da spre­che ich noch nicht davon, was es für erheb­li­che Nach­teile hat und Ener­gie raubt für die Menschen, die dem ausge­setzt sind. 

Das Problem sind nicht die Störun­gen selbst, sondern die Zeit, die es braucht, um danach wieder in die Arbeit rein zu kommen, nach einem Anruf oder einer Mail, die anpingt. Es zeigt sich, dass Menschen in einem Büro­um­feld im Durch­schnitt nur gerade mal 11 Minu­ten am Stück den Fokus halten können, bevor sie unter­bro­chen werden. Nach dieser Störung dauert es aller­dings 8 Minu­ten, bis sie sich wieder ganz in ihre Aufgabe vertieft haben, um dies ja nach 3 Minu­ten schon wieder für die nächste Störung zu unter­bre­chen.  Nach dem tiefen Einar­bei­ten in eine Aufgabe, kann man meist nach einer Unter­bre­chung nicht genau dort wieder anset­zen, sondern braucht erst einmal wieder Zeit, in das Thema zu finden. Klar ist damit auch, dass nicht nur der ja eh schon nicht natür­li­che Fokus leidet, sondern auch die Arbeits­qua­li­tät, die in diesen weni­gen Minu­ten zu bewäl­ti­gen ist. Es ist auch zu beach­ten, dass eine einma­lige Störung nicht die Ursa­che für Konzen­tra­ti­ons­stö­run­gen ist, sondern die Fülle an Ablen­kun­gen über den Tag verteilt. Und wie immer sei gesagt, dass das Ausmaß von Mensch zu Mensch verschie­den ist, da wir alle erstens unter­schied­lich gut damit umge­hen können und zwei­tens, sich alle in unter­schied­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen befin­den. Natür­lich hält sich die Welt nicht an diese 11 Minu­ten und somit werden wir unun­ter­bro­chen unterbrochen. 

Die gute Nach­richt dabei ist jedoch, dass Konzen­tra­tion und Fokus erlernt werden kann und somit Hoff­nung für all dieje­ni­gen da drau­ßen besteht, die dach­ten, sie seien für immer dem Multi­tas­king ausge­setzt und müss­ten sich wie eine Maschine verhalten. 

Und was passiert nun im Gehirn? 

Erst aber einmal zurück mit dem Blick, was da in unse­rem Gehirn passiert. Ich beziehe mich weiter auf die Studi­en­lage, die nämlich besagt, dass es noch weitere gute Gründe gibt, sich dem Multi­tas­king hinzu­ge­ben abge­se­hen von dem Druck des Mark­tes oder dem Wunsch schnell zu antwor­ten. Unser Körper schüt­tet nämlich bei dem Bedie­nen von Anfra­gen und dem Reagie­ren auf Tele­fo­nate oder Nach­rich­ten das Glück­hor­mon Dopa­min aus, was wiederum unser Beloh­nungs­sys­tem speist. Viele Menschen sind ja gern damit beschäf­tigt, sich dafür zu loben, wie viel sie geschafft und abge­ar­bei­tet haben. Das Beloh­nungs­zen­trum freut sich jedes Mal, wenn wir zwischen den Aufga­ben wech­seln, weil dann Impulse frei­ge­setzt werden, die unsere Glück­ge­fühle stei­gern lassen. 

Unsere Aufmerk­sam­keit rich­tet sich daher gern und schnell auf dieses glän­zend Neue (Zerstreu­ung). 

Ironi­scher­weise leidet gleich­zei­tig ein ande­rer Teil unse­res Gehirns am meis­ten. Nämlich der, der dafür zustän­dig ist, uns zu konzen­trie­ren.  Neuro­bio­lo­gisch gibt es nämlich gar kein Multi­tas­king. Das Gehirn kann sich maxi­mal auf zwei komple­xere Aufga­ben gleich­zei­tig konzen­trie­ren. Atmen, Wahr­neh­men und Denken sind an sich schon sehr komplex.

Multi­tas­king ist also nur eine Illu­sion und das Hirn wech­selt einfach schnell zwischen den Aufga­ben hin und her und das Ergeb­nis- man bekommt nur die Hälfte mit oder kann nur die Hälfte der wirk­li­chen Kapa­zi­tät nutzen und damit die Hälfte der Leis­tung erbringen.

Und was ist mit dem MultitasKIND?

Nun wissen wir ja bereits, dass das Gehirn ledig­lich zwischen zwei Aufge­ben schnell hin und her wech­selt und das passiert in einem Teil des Hirns, dem Präfron­ta­len Cortex. Da dieser Bereich sich erst ab Ende der Jugend­zeit heraus­bil­det und im Alter auch wieder abnimmt, ist es Kindern und älte­ren Menschen noch weni­ger möglich Multi­tas­king zu betrei­ben. Hier sei noch ein Plädoyer für ältere Menschen und Kinder hinten ange­stellt: Seid gedul­dig mit älte­ren Menschen, die dennoch so mutig sind, sich in der Öffent­lich­keit zu bewe­gen und mit Kindern, wenn sie mal wieder nicht zuhö­ren, weil sie so sehr ins Spiel vertieft sind.

Wieso sind Eltern/ Bezugs­per­so­nen dann Eierlegendewollmilchsäue?

Multi­tas­king funk­tio­niert dann, wenn Routi­ne­übun­gen invol­viert sind. Wenn also die eine Bezugs­per­son, sowohl die Kinder anzieht, als auch die Einkauf­liste im Kopf durch­geht und auch dabei noch Gesprä­che mit dem Partner/ der Part­ne­rin über die Tages To Dos führen kann, dann liegt es wohl daran, dass diese Tätig­kei­ten schon so oft durch­ge­führt wurden, dass sie im Lang­zeit­ge­dächt­nis abge­spei­chert sind und somit als Routine abruf­bar sind.

Was bedeu­tet das nun für die Projektarbeit?

“Duotas­king” und Projekt­ar­beit passt also bestens zusam­men von den Anfor­de­run­gen her, aber scha­det dem Gehirn und kann auf Dauer zu Über­las­tung führen. Es braucht also ein neues Verhal­ten eines jeden Indi­vi­duum. Mehr von “sich zuerst die Sauer­stoff­maske aufset­zen” und aus alten Mustern ausbre­chen.  Und wie? Es braucht Prio­ri­tä­ten. Erar­beite dir zu Arbeits­be­ginn eine Liste der Dinge, die über den Tag anfal­len und prio­ri­siere sie für dich sinnig. Probiere mal neues aus in dem du Zeiten fest­legst für zum Beispiel das Bear­bei­ten von Mails oder bitte um Hilfe, zum Beispiel für das Erle­di­gen von Aufga­ben, die du nicht persön­lich erle­di­gen musst, wie zum Beispiel Tele­fo­nate. Und zu guter Letzt: nimm deine Bedürf­nisse so ernst, dass du dich bei Über­las­tung an jeman­den wendest und Bescheid gibst, wenn das Pensum für dich nicht mehr mach­bar ist, ohne, dass es sich dauer­haft auf deine körper­li­che und geis­tige Gesund­heit auswirkt. Sage also öfter mal NEIN.

Probiere es doch mal aus!

Quelle:

https://www.ics.uci.edu/~gmark/chi08-mark.pdf